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Fastnacht 1994

Unser 1. Wagen

 

Main-Spitze 09.04.1994

Stätte des Friedens und des Glaubens

Geschichte der Kriegergedächtniskapelle / "Rabenkatzen" sammeln für Sanierung

Von unserem Mitarbeiter Jens ETZELSBERGER

"Bitte Klappstühle mitbringen" hieß es 1926 in der Einladung zur Einweihung der eisernen Gedenktafeln mit den Namen der Flörsheimer Kriegstoten. Die Aufforderung, das eigene Sitzmöbel mitzubringen, hatte durchaus ihren Sinn. Die Idee, eine solche Kapelle zu bauen, fand schon kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges großen Rückhalt in der Bevölkerung und dementsprechend war das öffentliche Interesse, als mit der Tafelenthüllung am 19. September 1926 ein entscheidender Bauabschnitt realisiert wurde.
Der Weg dorthin war steinig. Die Inflation machte den Erlös aus den Sammlungen unter der Flörsheimer Bürgerschaft erst einmal zunichte. Anfang 1925 nahm die Handvoll Flörsheimer, die sich den Kapellenbau zum Ziel gesetzt hatten, einen zweiten Anlauf. Wieder wurden Flörsheimer um Spenden gebeten und wieder kam die benötigte Summe zustande. 13 500 Mark sollte die Kapelle am Ende kosten. Das Grundstück gab es dabei umsonst. "Hochherzige Stifter" gaben einen Teil ihrer Weinberge her, um dort, auf der von Flörsheim weithin sichtbaren Anhöhe, die Kapelle zu errichten. Weithin sichtbar zumindest zur damaligen Zeit. Heutzutage behindern Wohngebiete den Blick auf die Kapelle und dem interessierten Beobachter erschließt sich die dominierende Lage im Gelände erst wenn er die nordwestliche Bebauungsgrenze verlassen hat.
Die Einweihung der Gedenktafel bedeutete aber noch lange nicht das Ende der Bauarbeiten. Erst am 16. September 1928, fast genau drei Jahre nach der Grundsteinlegung, konnte Pfarrer Klein die Kapelle mit sieben mal zwölf Meter Grundfläche einweihen. Gleichzeitig ging der Bau in den Besitz der Kirchengemeinde über. Zuvor mußten aber noch weitere Tafeln installiert werden. Bürgermeister Lauck regte nach der Enthüllung der Gedenktafel für die Opfer des Ersten Weltkrieges an, auch den Flörsheimer Getöteten der Kriege 1808 - 1814 (Spanisch-französischer Krieg) sowie der Kriege zwischen Preußen und Österreich und dem Krieg von 1870/71 mit Tafeln zu gedenken. Zur schlicht-schönen Innenausstattung der Kapelle zählte das von einem Freiherr Gedult von Jungenfeldt aus Mainz gestiftete Weihwasserbeckens ebenso, wie die Pieta aus einer Kapelle in der Bahnhofstraße.
Die Kriegergedächtniskapelle steht noch heute in der Flörsheimer Gemarkung. Der ihr zugedachte Sinn hat sich aber, wie der Geist der Zeit, verändert. "Pax" steht zwar von Beginn an in großen Lettern über den Türsturz gemeißelt. Die Mahnung an die Lebenden und die Bitte um Frieden war aber nicht immer ausschließlicher Sinn der Kapelle. Ein zeitgenössischer Chronist lobte etwa die Verstorbenen, das eigene Leben aus Liebe zum Vaterland "gebracht" zu haben. Trotz des 128fach allein für den Ersten Weltkrieg dokumentierten Todes, konnte man sich von anerkennender Heldenverehrung nicht lösen. Schon der Name zeigt die damalige Zielrichtung. Hier wurde nicht Menschen oder Opfern, sondern Kriegern gedacht.
Heute werden andere Inhalte mit der Kapelle verbunden. Totengedenkstätte, Mahnung für den Frieden aber auch Glauben an Auferstehung" beschreibt Kaplan Klaus Waldeck die theologischen Aspekte aus heutiger Sicht. Der Volksmund hat solche Probleme und Sinndeutungen geschickt umgangen. Er spricht, wertfrei und für alle verständlich, sowieso nur "vom Kapellchen". Eine Parallele zu den ersten Tagen ist aber dennoch unübersehbar. Auch heute pilgern die Menschen in großer Zahl auf die Anhöhe im Feld und meistens haben sie mehr dabei, als nur den zur Einweihung geforderten Klappstuhl.
Mit der Kapelle als solcher haben dabei die wenigsten Besucher etwas am Hut. Sie bleiben meist einige Meter unterhalb der Kapelle um dort in den Sommermonaten mit Sack und Pack, Stereoanlage und Zelten zu feiern. Die Folgen spürt aber auch die katholische Kirchengemeinde, der die Kapelle mittlerweile gehört. Zerstörte Fenster und herausgerissene Blitzableiter werden als Ergebnis ausgelassener Feste konstatiert. In der Hauptsache nagt aber der Zahn der Zeit an der Substanz der Kapelle. Das Naturschieferdach bereitet der Kirchengemeinde dabei die größten Sorgen. Die notwendige Komplettsanierung ist mit rund 60.000 Mark veranschlagt. Bevor der Gesamtbetrag nicht durch Spenden aufgebracht worden ist, so Pfarrer Rolf Kaifer, kann mit den Arbeiten nicht begonnen werden. Der Gemeinde fehlen derzeit jedoch die Mittel, um in finanzielle Vorleistung zu treten.
Hilfe scheint aber in Sicht. Ein gutes Dutzend engagierter Bürger, die aus Sorge um den Erhalt des  Kulturdenkmals schon in der Vergangenheit immer wieder zu Spenden für die Kapelle aufriefen und bisher rund 35 000 Mark gesammelt haben, haben sich seit Beginn dieses Jahres in dem Verein "Rabenkatzen' organisiert. Mit dem neuen Verein soll noch effektiver als bisher der Erhalt von Brauchtum und Kultugegenständen gefördert und unterstützt werden. Für den September ist beispielsweise ein Benefizkonzert geplant.
Pfarrer Kaifer ist zuversichtlich, Anfang nächsten Jahres mit der Renovierung des Daches beginnen zu können. Wer mehr über die der Geschichte der Kriegergedächtniskapelle erfahren will: Am Freitag, 22. April, um 20.15 Uhr veranstaltet der Heimatverein gemeinsam mit der Kolpingfamilie einen heimatgeschichtlichen Abend im Flörsheimer Keller. Titel: Geschichte eines Denkmales.

Flörsheimer Zeitung, Sommer 1994

Die Kapelle liegt den
Raabekazze am Herzen

Von Karin Beiküfner 

Flörsheim. - "Macht euch's ins
Bett, sonst holt euch die Raabekazz!", bekamen Flörsheimer Kinder früher noch zu hören, wenn sie abends spät noch "uffde Gass" herumtobten. Nach dem Flörsheimer Fahelwesen, halb Raabe, halb Katze, nennt sich ein Verein, der sich, n
bei der diesjährigen Fastnacht erstenmal einer größeren Öffentlichkeit vorstellte. Mehr als zwei Meter hoch thronte auf dem Motivwagen des Vereins eine schwarze Raabekazz aus Stahl
und Blech, die mit den Augen rollte. Den vielbewunderten Wagen in für den Fastnachtsumzug auf die Beine zu stellen, war auch der Anlaß, Ende 1993 aus einem lockeren
Freundeskreis einen eingetragenen Verein  zu machen.
"Nach 40 Jahren zugucken haben wir uns ge-
dacht man müßte selber mal was
machen erinnert sich Dr. Hans
Albert Beul Schreiber der Raabe-
kazze e.V. 'Verein zur Förderung
des Brauchtums mit besonderer.
Berücksichtigung der Flörsheimer Fastnacht.
Die 14 Freunde sind nun Vereinsmitglieder. Von Fastnacht ist allerdings derzeit, nicht die Rede, umso häufiger dafür von der Kriegergedächtniskapelle am Geißberg.
"Einmal im Jahr wollen wir was machen, was den Flörsheimer
nützt",' erklärt Beul. In diesem Jahr hat sich der Verein ganz der Renovierung der maroden Kapelle verschrieben.
....

Flörsheimer Zeitung, 14.06.1994

Alles für die Kapelle

Einsatz der Raabekazze ungebrochen - Benefizkonzert im September

FLÖRSHEIM (hasi). Ein Im Rahmen des Flörsheimer Vereinsreigens noch recht junger Verein nennt sich Raabekazze e.V. Außer, daß sie an Fastnacht mit einer Zugnummer auftreten, haben sie sich einer Aktivität verschrieben, die vielen Flörsheimern und besonders der Flörsheimer Zeitung am Herzen liegt. Dem Erhalt der Kriegergedächtniskapelle oben auf dem Geisberghügel.

Durch viele Aufrufe sind Flörsheims Bürger inzwischen dafür sensibilisiert, daß "das Kapellchen", wie die FZ schreibt, dringend einer Renovierung bedarf. Ein Ausdruck, der einer Flörsheimerin eigentlich gar nicht gut gefällt, wie sie kürzlich beim Vortrag des Stadthistorikers im Flörsheimer Keller versicherte. "Es ist doch eine richtige, Kapelle", meinte sie. Stimmt! Aber da man bei diesem Wort versucht ist, an Musik zu denken, haben wir bei der FZ die verkleinernde Form gewählt. 
Diesmal darf man allerdings an beides denken, an Kapelle und Kapellchen. Am 4. September wird es nämlich für die Kriegergedächtniskapelle ein Benefizkonzert geben. So richtig mit Musik, mit Eß- und Trinkbarem und - hoffentlich - wieder vielen Spenden, die dem Erhalt des Bauwerks zugute kommen.
"Wir freuen uns, den Termin für das Benefizkonzert bestätigen zu können, die Stadt Flörsheim hat uns die Erlaubnis zur Nutzung des Stadtgartens erteilt", freut sich Robert Mohr, der bei den Raabekazze die Aufgabe des "Kümmerers" innehat.
Und ganz besonders freuen sich die Raabekazze, daß sie für den richtigen Ton den Flörsheimer Musikverein gewinnen konnte. Darüber freut sich wiederum auch die Flörsheimer Zeitung, die erst in der Berichterstattung zum 40. Jubiläum des Vereins hervorhob, wie unkompliziert es vonstatten geht, wenn man die Musiker
des Musikverein für ein Flörsheimer Anliegen gewinnen will.
So wird der Sonntag, 4. September ganz im Zeichen zweier Kapellen stehen. Eben dieser die spielt für jene die's braucht. Und die Flörsheimer Bevölkerung kann in den gepflegten Anlagen des Stadtgartens "ihrem" Musikverein zuhören. Daß sie dabei nicht hungern und dürsten braucht, dafür sorgen, wie gesagt, die Raabekazze, die auch schon erste Verträge mit Petrus verfaßt haben, des Wetters wegen.
Auch sonst war die Truppe mit dem lustigen Namen nicht untätig. Zur Renovierung der Kriegergedächtniskapelle braucht es ja nicht nur Geld. Dies zwar zur Genüge, denn allein für das Dach werden ca. 60. 000 Mark verbraucht werden. Reine Materialkosten! Was an Planung, Ausschreibung der einzelnen Gewerke, einholen und kontrollieren der Kostenvoranschläge, Genehmigungen, Bauvoranfrage, Schriftverkehr und werweißwasnochallem zu tun ist, das machen die Raabekazze selbst. Kostenlos, wie der "Kümmerer" und weitere Vereinsmitglieder der FZ versicherten. Das sind "Sachspenden" die in die Zehntausende gehen. Und das muß ja mal gesagt werden.
Wer den oben angesprochenen Vortrag des Stadthistorikers Bernd Blisch im April gehört hat, der erinnert sich auch noch an die vorgetragenen
Schwierigkeiten, die die Erbauer der Kriegergedächtniskapelle bereits damals, 1925, mit den Finanzen hatten. Wie Philipp Schneider in Bettelbriefen an die umliegenden Industriebetriebe die Unterstützung für den Neubau einforderte. (Das Vordach der Kapelle könnte Opelarbeitern aus dem Ländchen, die ja damals noch zu Fuß kamen, bei schlechtem Wetter als Unterstand dienen.)
Ähnliches tun die Raabekazze zur Zeit auch Heute heißt das "Direkt-Mail-Aktion an etwa 80 regionale Firmen mit der Bitte um Unterstützung der Kapellen-Renovierung durch Spenden." Sie sind der Hoffnung, "daß diese Aktion von mehr Erfolg gekrönt als, als die oben erwähnte.
Parallel zur Vorbereitung für das Konzert laufen Arbeiten an einer Festschrift. Es soll die Geschichte des Denkmals erläutert und dargestellt werden. Die Autoren, wie Bernd Blisch und Alois Mohr und andere arbeiten mit Hochdruck an Artikeln, die mit Photos bebildert werden. Rechtzeitig zum Benefizkonzert soll die Broschüre erhältlich sein.
Für alle, die jetzt wieder Lust bekommen haben, dem Erhalt des "schönsten Kriegerehrenmal des Main-Taunus-Kreises" sein Scherflein zukommen zu lassen, dem sei auch heute wieder die Nummer des Spendenkontos genannt-. NaSpa 2 095 000 900, BLZ 510 500 15. Der augenblickliche Kontenstand liegt bei: 41.420, 89 DM.